FEINE MENSCHEN

tragbarer leerstand

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Wir leben hier vor ort. Ist das schon kunst?

Wir erklären den platz, an dem wir arbeiten zum ort der kunst.
Machen uns auf den weg als kunstgruppe „feine menschen“ entwickeln und setzen unsere kollektivideen um und dies in cooperation mit dem pinneberg museum.
Ab sofort und in zukunft immer häufiger. KiöR_feine menschen

Pavillon 12,25 m2 Lust I 2015
Jens Martin Neumann I Kunsthistoriker I Kiel
„Ideen allein können Kunstwerke sein“, schrieb Sol LeWitt bereits 1969 in seiner Programmschrift zur konzeptuellen Kunst, „sie sind Teil einer Entwicklung, die irgendwann einmal ihre Form finden mag. Doch nicht alle Ideen müssen physisch verwirklicht werden“. Alles kann heute zum Kunstwerk werden, und so hat die Künstlerinnengruppe „feine menschen“, bestehend aus den bildenden Künstlerinnen, oder besser: den Kunstkurberaterinnen, gagel, mioq und Brigitta Höppner, die Stadt Pinneberg zum weltweit ersten kunstkur.ort ernannt und heute morgen der Bürgermeisterin die Urkunde überreicht.

Die Künstlerinnen konzentrieren ihre künstlerische Spurensuche auf den Erlebnisraum „Kur“, um in diesem Bild auf einsehbare, und aus Werbung und Medien bekannte Weise über Orte und Menschen zu berichten. Auch wenn eine solche Kunstaktion bei Publikum und örtlicher Presse Erheiterung und Spott erwecken mag, herrscht hier doch nur scheinbar Ironie, Lust an Provokation oder Beliebigkeit, denn es steht eine fest umrissene Idee dahinter, die zwei Komponenten einschließt: die streitbare Attacke gegen herrschende Kunst- und Stadtvorstellungen und die ernsthafte Suche nach einem neuen Entwurf, der für diese Titelverleihung auch eine Begründung entwickelt und ihren Zusammenhang erläutert.

Denn, wie es bereits im Titel kunstkur.ort anklingt, ist es erklärtes Ziel, einen neuen, unverstellten, eben „gesunden“ Blick jenseits politischer Eigenwerbung, ökonomischer Verwertungszwänge und behäbiger Postkartenklischees auf die Stadt zu werfen, um Potentiale wie Probleme zu benennen und in einem künstlerischen Experiment urbane Utopien zu wagen. Und Pinneberg gibt ein lohnendes Untersuchungsobjekt ab: Die Stadt verfügt über eine bemerkenswerte Geschichte und eine gediegene ältere Baukultur, war Mittelpunkt einer gleichnamigen Grafschaft, heute prägt sie eine Problematik, die sofort ins Auge springt — Stadt und Bewohner haben eine kunstkur wirklich nötig.
Anstelle von zeitgeistiger Verkehrsanalyse, Innenstadtbewertung und Gebäudeentwicklung setzen die Künstlerinnen direkt beim Menschen an. Sie behandeln die entscheidenden Fragen: Was machen wir mit der Stadt? Was macht sie mit uns? Und wie wirkt das, was wir mit ihr tun, auf uns zurück? Den Schlüssel zum Verständnis ihres Stadtkunstwerks liefert die dazu veröffentlichte kurzeitung: An Ästhetik und Heilsversprechen üblicher Kurpostillen orientiert, spielen gagel, mioq und Höppner in den Beiträgen systematisch Kategorien der Regeneration, ihrer Voraussetzungen und Maßnahmen in der Anwendung auf die Kunst durch. Sie fertigen ganz nach Werbe-, Medien- und Internetmanier Bild-Text-Collagen, die Zusammenhänge zwischen Kunst, Werbung und Gesellschaft offen legen. Allerdings stellen sie nicht unmittelbar die Wirklichkeit dar, sondern deren grelle Abbilder, Signets und Klischees, und damit wird zugleich das System „Stadtpräsentation“ grundlegend untersucht.

„Ihre Wünsche sind mir sehr wichtig!“, schwört die Politikerin, „Schaffen Sie sich Freiräume!“ ermuntert ein Unternehmen, während das Gutachten empfiehlt, „die Bindung der Marktführer zu präferieren“. Die Künstlerinnen versprechen „Hilfe für jedermann“, sie empfehlen „tanken sie auf, tauchen sie ein“, und versichern beruhigend, wir „kennen die Geheimtipps für einen erfolgreichen Kurantrag“. — Will sagen: Diese Kunst müsste Ihnen eigentlich bekannt vorkommen, greift sie doch in medial vorbereiteten Bildern und Texten unsere Alltagserfahrungen auf, die in Betrachtung und Lektüre abrufbar werden. Sie hält Politik und Gesellschaft den Spiegel vor, der ihr wahl- und marktorientiertes Denken in die Kunst zurück strahlt. Solche Bedenken gegenüber der trügerischen Macht sinnleerer Floskeln und virtueller Bilder kann sich uns mitteilen und damit die Reflexion über Kunst zu einem Nachdenken über öffentliche Kommunikationsformen werden lassen. Widerspruch gegen vieles, was sich in unseren Köpfen in Bezug auf politische, ökonomische, soziale Muster eingebürgert hat, und synchrone Eröffnung neuer gedanklicher und sinnlicher Perspektiven sind Qualitäten von Kunst.

Wenn das Kunstwerk in ein Kunstereignis überführt wird, sind wahrscheinlich für manche Pinnebergerin und manchen Pinneberger die Grenzen der Kunst überschritten oder eingeübte bürgerliche Anforderungen an sie unterschritten. Das Konzept kunstkur.ort will aber die Kunst vollends in der Lebenspraxis ansiedeln und die ästhetische Distanz zwischen Kunst und Leben auf ein Minimum einschrumpfen. Es macht die Betrachter sogleich zu Nutzern und Teilnehmern, zu Mitspielern innerhalb der künstlerischen Versuchsanordnung. Wir treffen hier auf einen stark erweiterten Kunstbegriff, der auf die Vorstellung einer umfassenden schöpferischen Umgestaltung des städtischen Lebens hinausläuft, gleichsam auf die Stadt als soziale Skulptur.
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„Teilhabe des Menschen“ ist auch die wichtigsten Kategorien der Installation in der Kunstremise. Die Fenster des Pavillons sind mit einer, nur einseitig von außen durchsichtigen Spiegelfolie bespannt. Die Installation im Innenraum ist karg, einfach, doch klug auf das Nötigste beschränkt: Zwei Hocker stehen sich gegenüber, zwischen denen auf Augenhöhe ein Spiegel hängt. Während wir sitzend mit unserem Gegenüber sprechen, schauen wir uns im Spiegel selbst an. Die bereits an die Stadt gestellte Frage: Wie gehen Menschen miteinander um? verlagert sich in das Intime eines dialogischen Moments, auf das Gesicht.

Damit kommen soziale und psychologische Aspekte zum Tragen: Jeder hat ein Gesicht, aber es wird erst zum Antlitz, wenn es mit anderen Gesichtern in Kontakt tritt, sie anschaut oder von ihnen angeschaut wird. Das klingt in der Redewendung „von Angesicht zu Angesicht“ an, welche den unmittelbaren, unausweichlichen Kontakt des Blickaustauschs als Stunde der Wahrheit zwischen zwei Menschen benennt. Erst Blicke, Mienenspiel und Stimme bringen ein Gesicht in wörtlichstem Sinne zum Leben, dann erwacht es sofort zu Bildern. Wir kommunizieren und repräsentieren uns selbst im Gesicht, sind die Schauspieler unserer eigenen Mimik.

Doch werden solche existenziellen Wahrnehmungen durch die Spiegelfläche irritiert. Denn der Blick in den Spiegel ist ein anderer als der Blick auf ein Gegenüber. Er liefert nur den Beweis unserer eigenen körperlichen Präsenz, verweigert aber den Blickwechsel mit dem Menschen, zu dem wir im Gespräch Verbindung suchen. Der reale, hier auch allegorisch gemeinte Spiegel erbringt — im Zurückwerfen unseres Gesichts auf uns selbst — eine erzwungene Ich-Befragung. Plötzlich befinden wir uns in einem „paradoxen Selbstgespräch mit dem anderen“. Die Künstlerinnen liefern hier mit beachtlichem Scharfsinn eine Reflexion über das Thema unserer vergeblichen Versuche, dem eigenen wie dem fremden Gesicht zu Leibe zu rücken.

Der von den drei Künstlerinnen geschaute kunstkur.ort Pinneberg liegt in einem Land, das es nicht gibt, in Utopia. Sein utopischer Charakter begründet sich jedoch nicht in der prinzipiellen Unvereinbarkeit mit der Wirklichkeit, sondern in der Vergegenwärtigung von Möglichkeiten als Stationen auf dem Weg von der Realität in die Utopie. Die kurende Kunststadt der „feinen menschen“ ist ein erster Vorstoß ins Mögliche.

Jens Martin Neumann I Kunsthistoriker I Kiel

 

 

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